Jena als Ursprungsort der Heilpädagogik


Johannes Trüper und die Sophienhöhe


Bei der Beschäftigung mit der Geschichte der Heilpädagogik wurde mir erst nach und nach bewusst, dass Jena nicht nur Ursprungsort der anthroposophischen Heilpädagogik, sondern durch Johannes Trüper Ursprungsort der Heilpädagogik in Deutschland schlechthin ist.
Johannes Trüper wurde 1855 geboren. Er stammt aus einfachen Verhältnissen. Seine Mutter starb, als er 12 Jahre alt war, sein Vater war schwer krank. Johannes war ein körperlich schwaches Kind. Vor der Schuleinführung konnte er bereits lesen. Die Einklassenschule konnte jedoch seinen Wissensdurst nicht befriedigen. Er litt an der Monotonie des Unterrichtes. Im 5. Schuljahr wechselte er auf eine höhere Privatschule.
Aus einem Prospekt für die neugegründete Sophienhöhe.
Hier entdeckte man glücklicherweise sein Talent und man übergab ihm bereits mit 15 Jahren die Führung einer Klasse mit 80 Schülern. Dabei hatte er keinerlei Disziplinschwierigkeiten. Mit 17 Jahren besuchte er das Lehrerseminar. Dieses konnte ihm nicht viel bieten, wie er sagte. Mit 20 Jahren war er Lehrer.
Johannes Trüper befasste sich sehr intensiv mit den Schwierigkeiten und Problemen von Kindern, die bildungsfähig, aber durch ihr Verhalten nicht schulfähig waren. Das veranlasste ihn später, 1892, als er 37 Jahre alt war, eine „Anstalt für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche“ zu gründen, die Sophienhöhe in Jena. Dies war eine private Anstalt. Seine Schwester Meta spendete dafür ein Startkapital und half mit bei der Betreuung der Kinder.
Es lag Johannes Trüper sehr am Herzen – aus eigener Erfahrung – das Schulleben erlebnisreich zu gestalten. Heute würde er gewiss als Erlebnispädagoge gelten. „Erlebnisse haben willensgestaltende Kraft“, sagte er und „Erziehen ist tägliche praktische Übung – nicht Strafe.“ „Der Zögling muss an sich selbst erziehen, an sich selbst arbeiten, auf sein besseres Ich sich selbst besinnen, selbst edle Ziele fassen, mit eigener Kraft sie zu verwirklichen streben. Der Erzieher muss hier nur die Rolle des Führers übernehmen.“ Das klingt uns doch recht bekannt, oder? Trüper hatte genaueste Vorstellungen und Ideale. Beispielsweise gab es feste Tischregeln, es wurde auf deutliche Aussprache geachtet – den Erziehern wurde manche Regel schriftlich mitgeteilt. (Dies brachte ihm manchmal Unverständnis seiner Mitarbeiter ein.) Er verlangte die Mitwirkung der Eltern am Schulleben und an der Gestaltung und wollte gern alle an der Pflege des Kindes Beteiligten – bis hin zu Arzt und Köchin – zusammenführen. Möglichst familiennah sollte das Leben auf der Sophienhöhe sein, wobei er nie behauptete, dass dies in diesem Rahmen vollständig gelänge. Trüpers Motto hieß „Heilen und Erziehen“.

Der Jenaer Pädagoge Johannes Trüper
(1855-1921), Begründer der Heilpädagogik.
Schulreisen und Feste waren Höhepunkte des Schullebens. Ein Tiergehege sowie Werkstätten gehörten zur Sophienhöhe. Künstlerischer Unterricht war ein großes Anliegen, und dass eine Verbindung bestehen sollte zwischen Schul- und Alltagsleben. Johannes Trüper war ein tiefreligiöser Mensch und sorgte dafür, dass ein anschaulicher Religionsunterricht stattfand, damit der Kirchgang nicht zur gedankenlosen Gewohnheit würde. Integration von Ausländern war selbstverständlich und es kamen – weil seine Einrichtung einmalig in der Welt war – Hospitanten aus verschiedenen Ländern, um Erfahrungen in der Arbeit mit schwer erziehbaren Kindern zu sammeln.
Trüper verfasste wissenschaftliche Schriften und gründete 1897 – vor 110 Jahren – einen „Verein für Kindheitsforschung und Jugendfürsorge“ und organisierte 1906 einen „Kindheitskongress“ in Berlin mit immerhin 700 Teilnehmern.
Änne Trüper, sie war eines von seinen sechs Kindern, lernte Franz Löffler, ihren späteren Mann, kennen und gemeinsam mit ihm und dessen Freunden, auf die ich später eingehen werde, wollte sie das Werk ihres Vaters nach dessen Tod 1921 weiterführen.
So konnten die Trüperschen Anstalten weiter bestehen. In den Kriegsjahren waren sie wie eine Insel. Man deckte den Mantel des Schweigens über sie. Ein SS-Offizier soll sogar sein Kind dorthin gebracht haben mit der Bitte, es zu schützen. Prof. Ibrahim, dem damaligen Kinderarzt der Universitäts-Kinderklinik Jena, gelang es, in fast aussichtslosen Verhältnissen, Kinder vor der Euthanasie zu bewahren.
In den Zeiten der DDR bestand die Sonderschule noch einige Zeit als Privatschule, bis der Rat der Stadt Jena 1965 beschloss, sie zu schließen und 1966 gingen die Gebäude in eine andere Nutzung über.

Die Weiterentwicklung zur anthroposophischen Heilpädagogik


Änne Trüper lernte durch drei junge Jenaer Studenten, Siegfried Pickert, Albrecht Strohschein und Franz Löffler, die Anthroposophie kennen. Diese drei späteren Initiatoren des Lauenstein entdeckten u.a. auf anthroposophischen Kongressen in Stuttgart, dass ihnen das Studium der Anthroposophie wesentlich interessanter erschien als ihr Universitätsstudium, zu dem sie nach Jena gekommen waren. Unter großen Opfern und Strapazen nahmen sie lange Wege auf sich. Sie gingen teilweise zu Fuß nach Stuttgart oder borgten sich Geld für eine Fahrkarte nach Dornach, um Rudolf Steiner zu erleben. Sie wollten eine neue Kultur begründen und die Anthroposophie verbarg für sie eine Möglichkeit der Veränderung. Der feste Entschluss, eine heilende Pädagogik zu entwickeln, ließ sie manches Hindernis überwinden.
1923: Die drei Herren halten sich gerade in Dornach auf. Änne Trüper ruft um Hilfe in die Sophienhöhe. Mit einigen Wochen Abstand kommen alle drei nach Jena. Zu gleicher Zeit kommt auch Sandroe, ein Kind, über das man etwas erfahren kann, wenn man den „Heilpädagogischen Kurs“ von Rudolf Steiner liest. Die Mitarbeiter der Sophienhöhe wussten um den anthroposophischen Hintergrund der drei Studenten. Sie hatten volle therapeutische Handlungsfreiheit. Gemeinsam mit Ilse Knauer, der späteren Ärztin des Lauenstein, besprachen sie oft das Schicksal der Kinder, die ihnen Lebensrätsel aufgaben.
Ein Jahr nach dem Brand des ersten Goetheanums fuhren die jungen Jenenser nach Dornach zur Neubegründung der Anthroposophischen Gesellschaft (1923). Im Anschluss daran sollte der Ärztekurs stattfinden und den dreien war klar, dass es für die geistige Substanz ihrer heilpädagogischen Arbeit von Bedeutung wäre, an dieser Tagung teilzunehmen. Sie berieten, wie sie Rudolf Steiner davon überzeugen könnten. Und als Albrecht Strohschein, dies bedenkend, gedankenversunken auf dem Hügel in Dornach spazieren ging, stand er plötzlich vor Rudolf Steiner, der gerade in diesen Tagen sehr beschäftigt war. Strohschein wollte einen „Achtungsbogen“ um ihn machen, doch Steiner sprach ihn an: „Wie ergeht es Ihnen, Herr Strohschein?“ Strohschein berichtete von Jena und dem Wunsch der drei, am Medizinerkurs teilnehmen zu können. Das könne er nicht entscheiden, da müsse er Ita Wegmann fragen, bemerkte Steiner.
Jeden Abend wurde nun Strohschein von seinen Freunden bedrängt zu fragen. Und als er deswegen schon ganz ärgerlich war und sich wehrte, stand wieder – wie zufällig – Rudolf Steiner vor ihm und sagte: „Also, Sie können kommen, Sie drei“. Dieser Nachsatz war für die jungen Männer von großer Bedeutung. Später stellte sich heraus, dass Steiner gar nicht Ita Wegmann gefragt hatte. Er hatte sie nach einigen Tagen der Überlegung vor vollendete Tatsachen gestellt: „Ich habe drei Männer, die nehmen teil. Sie sind zwar keine Mediziner, aber sie nehmen teil.“
Nach dem Kurs fuhren die drei tiefbewegt nach Jena zurück. Bald stellte sich doch heraus, dass sie auf der Sophienhöhe ihre mitgebrachten Impulse gar nicht ohne Weiteres verwirklichen konnten. Es war ihnen verwehrt worden, einen anthroposophischen Arzt hinzuzuziehen. So sah sich Siegfried Pickert gezwungen, Ita Wegmann zu bitten, ein Kind mit seiner Pflegerin in ihrer Klinik in Arlesheim (Schweiz) im Sonnenhof aufzunehmen.

Lauenstein und Heilpädagogischer Kurs


Ilse Knauer und ihre Familie fanden in Jena-Lichtenhain eine ehemalige Gaststätte auf dem Lauenstein. Albrecht Strohschein fuhr nach Dornach, um Rudolf Steiner um Zustimmung zu bitten und ihm zu sagen, dass es eigentlich kein Geld dafür gäbe. „Darauf dürfen sie keine Rücksicht nehmen“, war die schlichte Antwort.
Anfänge der Anthroposophischen Heilpädagogik:
der Lauenstein bei Jena.
Auf abenteuerliche Weise und mit viel Mut gelang es Strohschein, ein bescheidenes Startkapital zu erbetteln, u.a. bei Emil Molt, dem Direktor der Zigarettenfabrik Waldorf Astoria, auf dessen Initiative hin die erste Waldorfschule 1919 in Stuttgart gegründet worden war.
Auf der Ostertagung 1924 in Dornach versprach Rudolf Steiner den dreien, sie in Jena auf dem Lauenstein zu besuchen. Und so kam es dazu, dass er auf seiner Rückreise aus Koberwitz, wo er einen Landwirtschaftlichen Kurs gab, nachts auf dem Bahnhof abgeholt wurde. Bereits am nächsten Morgen, am 18. Juni 1924, besichtigte er den Lauenstein und ließ sich Kinder vorstellen.
Franz Löffler erinnert sich: „Es war ein festlicher Augenblick, als am 18.6.1924 Rudolf Steiner mit uns bei strahlendem Sonnenschein vom Lauenstein hinüberschaute zum ‚Paradies‘, dem Saaleufer, an dem Goethe wesentliche Eindrücke für das ‚Märchen‘ empfing.“
Am 24. August war es dann soweit: der „Verein zur Heilung und Erziehung Seelenpflege bedürftiger Kinder Lauenstein“ wurde unter der Nummer 125 im Vereinsregister des Amtsgerichtes Jena eingetragen.

Pioniere der Heilpädagogik: Werner Pache, Franz
Löffler, Ita Wegmann, Siegfried Pickert und Albrecht
Strohschein.
Eine Woche nach Steiners Besuch auf dem Lauenstein, am 25. Juni 1924, begann – dank der Initiative der drei Jenaer Studenten – der Heilpädagogische Kurs. Dies waren grundlegende Vorträge Rudolf Steiners zur Begründung der Heilpädagogik. Man muss sich darüber klar sein, dass dieser Kurs damals nicht als öffentlicher Fachunterricht gehalten wurde, sondern im vertrauten Kreis als persönliche Unterweisung und Schulung dieser Menschen verstanden werden muss. Kinder aus dem Sonnenhof in Arlesheim wurden vorgestellt, darunter war Willfried Immanuel, ein Baby, das im Körbchen hereingetragen wurde.
Acht Monate nach dem letzten Vortag des Heilpädagogischen Kurses – am 22. März 1925 – wurde im Mitteilungsblatt des Goetheanums die Eröffnung des „Heil- und Erziehungsinstituts für Seelenpflege bedürftige Kinder Lauenstein e.V. Jena“ bekannt gegeben und acht Tage nach dieser Bekanntmachung starb Rudolf Steiner, am 30. März 1925. Dies war ein tiefer Einschnitt im Leben nicht nur der drei Jenaer Studenten.
Ita Wegmann übernahm zuverlässig und hilfreich die Begleitung des Heimes; nicht nur mit Herzens- und Willenskräften, sondern auch aus einem spirituellen Inneren heraus. Rudolf Steiner nannte sie deshalb einen Michaels-Träger.

Eine weltweite Bewegung beginnt


Auf dem Lauenstein wurde es zu eng für die vielen Kinder, die nach und nach kamen. Man richtete das „Haus Bernhard“ in Jena-Zwätzen für die weitere Arbeit ein. Das war 1926.
Frau Wegmann beauftragte 1928 Albrecht Strohschein, Robert, ein Kind und dessen Eltern, nach Breslau zu begleiten und weiter zu betreuen. Das führte zur Gründung eines weiteren heilpädagogischen Heimes, Schloss Pilgrimshain. Und Franz Löffler wurde 1929 in die Uckermark gesendet, um dort das Schloss Gerswalde als Heim für erwachsene Jugendliche mit aufzubauen. Franz Löffler verstarb 1956 in Arlesheim.
Siegfried Pickert wurde 1931, nach sieben Jahren der Arbeit des Lauenstein, von Jena nach Schloss Hamborn gerufen, um auch dort ein heilpädagogisches Heim aufzubauen. Er wurde der Älteste dieser drei und starb dort am 12. März 2003 im Alter von 103 Jahren.
Somit sind die Impulse, die einst von Jena ausgingen, in alle Himmelsrichtungen getragen worden. Heute existieren Heilpädagogische Einrichtungen in über 90 Ländern.
Das Ende des Geleitwortes von Franz Löffler, das er nach dem Besuch Rudolf Steiners auf dem Lauenstein niederschrieb, möge an dieser Stelle in die Zukunft weisen:
„ ... zwei Motive erklingen und leuchten im Besonderen herüber: Einer allein hilft nicht, sondern wer sich mit vielen zu rechten Stunde vereinigt und Die Liebe herrscht nicht, aber sie bildet, und das ist mehr.



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